Rezension: Fast Nackt, von Leo Hickman

Neulich hat mir ein Freund das Buch „Fast nackt“ mit den Worten „Es wird dein Leben verändern“ in die Hände gedrückt. Tatsächlich hat es mich zwei Tage lang, mit lediglicher Kurzunterbrechung energiezuführender Maßnahmen, in seinen Bann gezogen.

In „Fast Nackt“ unternimmt Leo Hickman (im Jahr der Veröffentlichung noch Journalist und leitender Redakteur beim Guardian, heute (schon seit 2013) leitender Berater für Klimawandel beim WWF in Großbritannien) den Selbstversuch, mit Hilfe dreier Experten eine nachhaltigere Lebensweise ganzheitlich umzusetzen. Ausschlaggebend hierfür ist die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes Esme mit seiner Frau Jane.

Folgende Experten werden in das gemeinsame Reihenhaus mit Garten im südlichen London eingeladen: Renée Elliott (Gründerin der Planet Organic-Bioläden in London), Hannah Berry (recherchierte und schrieb 1997-2006 für das „Ethical Consumer“-Magazin, somit auch zur Zeit der Enstehung Hickmans Buches) und Mike Childs (2005 Marketingleiter bei Friends of the Earth Großbritannien, heute: strategische Leitung, sowie Leitung von Forschung und Wissenschaft ebendort).

Nach einem „Sasha Walleczekesken“ Moment à la „zeige mir den Inhalt deines Schranks“ und den teils doch nicht so zurückhaltend entsetzten Antlitzen der eingeladenen Experten, überzeugen klare Fakten mit etlichen Ratschlägen zu den folgenden Lebensbereichen:

  • Ernährung
  • Putz- und Reinigungsmittel
  • Kosmetika
  • Haushaltsgeräte
  • Energieversorgung
  • Wegwerfen/Recycling
  • Materialien bei Wohnbau
  • Garten
  • Anlegen/Investieren der eig. Ersparnisse in ethische Banken
  • Windeln
  • soziales Engagement in der Freizeit

Wer nun mit einer trockenen Abhandlung diverser Themenbereiche rechnet, irrt gewaltig, denn Hickmanns Buch entpuppt sich als packende Reise, auf die er den Leser mit viel Humor, Leichtigkeit und hier und da einer Prise Sarkasmus mitnimmt.

Schritt für Schritt tasten sich Leo und Jane mit den Ratschlägen der Experten an die Umwandlung der einzeln vorgenommenen Lebensbereiche heran und erleichtern es so auch dem Leser, sich, in einzelne Bereiche gegliedert, mit der Thematik stückchenweise auseinanderzusetzen und sich ihr anzunähern.

Im Laufe des Buches kann man zudem das muntere Werden der Würmer seines frisch angelegten Komposthaufens beinahe schon liebevoll verfolgen, die sich ebenso wie jede sonstige Spezies zuerst über ihr Lieblingsfutter her macht und weniger geliebte Speisen (in dem Fall Zwiebel) für später aufbewahrt.

Etliche Ratschläge erhält Leo im Zuge seines Wandels durch Leserbriefe, welche er zahlreich im Buch veröffentlicht. Diese aus aller Welt kommenden Botschaften zeigen, wie sich verschiedene Menschen in allen möglichen Ländern mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Jeder einzelne hat dabei andere Gedanken und Prioritäten, sowie Ratschläge oder Geschichten.

Die Briefe vermitteln zusätzlich einige interessante kulturell und national spezifische Begebenheiten, das Thema „nachhaltiger Lebensstil“ betreffend. So erfährt man etwa von einer nach Japan gezogenen Australierin, wie ihr der tagtägliche Versuch der Müllvermeidung erschwert wird, indem ihr beim Einkauf, auch wenn sie beteuert, kein Sackerl zu benötigen, stattdessen die Rechnung beherzt in Papier eingeschlagen wird. Als ihr an der Post der von ihr als Verpackung wiederverwendete Whiskey-Karton umsichtig mit Papier überzogen wird, breitet sich über meinem Gesicht ein Schmunzeln aus. Dauerbeheizte Klobrillen, zahlreiche beleuchtete Reklameschilder und daueraktive Spielautomaten lassen mich in Gedanken an meine eigene Japan-Reise (ein Jahr nach der Fukushima-Katastrophe) zurückdenken und an die Umhüllung der mit besonderer Sorgfalt und Ästhetik verpackten gekauften Güter. Sehr wichtig ist in der jap. Kultur auch beim Schenken die Verpackung, wie ich aus meinen eigenen Japan-Studien weiß. Diese bringt, möglichst sorgfältig ausgesucht und geschmackvoll drapiert, dem Beschenkten symbolisch besondere Wertschätzung entgegen.

Ein Sprung zurück nach London, wo Leos Neugier dem Leser auch einen Einblick in die Müllindustrie eröffnet. Vom weggeworfenen Gegenstand zu Hause verfolgt er mit einem Experten vom Mülldezernat den langwierigen Transportweg bis hin zur Müllhalde. Besonders dieser Abschnitt bleibt mir im Gedächtnis und die Überzeugung, Müll möglichst zu beschränken und gar nicht erst entstehen zu lassen, nehme ich mir aus der Lektüre ganz besonders mit. Denn die Energiemengen, die nötig sind, den bereits angefallenen weg geworfenen Müll zu beseitigen, oder auch zu recyceln sind gar nicht so ohne. Dass vieles, vor allem Plastik, dann auch noch im Meer landet und von Tieren für Futter gehalten wird, füge ich hier noch in Gedanken an den Film „Plastic Ocean“ hinzu (siehe Filmliste).

Fazit: Hickman schafft mit seinem Werk eine Unterhaltungslektüre mit fundiertem Wissensmehrwert.

Theda Krohm-Linke, die Übersetzerin des Buches ins Deutsche, hat sich zusätzlich der Auflistung mehrerer hilfreicher Links angenommen und ein kleines ethisches Internet-Adressbuch für Deutschland, Österreich und die Schweiz erstellt. Folgende Bereiche sind darin vertreten: Ernährung, Naturkosmetik und Haushalt, Kleidung, Land- und Gartenbau, Wohnen und Bauen, Energie, Reisen, Geldanlage, Ehrenamt

Beherzt schließe ich Hickmans Buch und mich gedanklich der Äußerung meines Freundes an.

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Bibliografie Leo Hickman

  • A Life Stripped Bare. My Year Trying to Live Ethically, Guardian Books, London 2005; ins Deutsche von Theda Krohm-Linke: Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch ethisch korrekt zu leben, Pendo Verlag, München und Zürich 2006.
  • A Good Life. The guide to ethical living, Guardian Books, London 2005.
  • The Final Call. In search of the true costs of our holidays, Guardian Books, London 2007; ins Deutsche von Marion Hertle: Und Tschüss. Was wir anrichten, wenn es uns in die Ferne zieht, Pendo Verlag, München und Zürich 2008.
  • Will Jellyfish Rule the World?, Guardian Books, London 2008.

Ein Thema, das in diesem Buch leider nicht behandelt wird, ist das der nachhaltigen Monatshygiene. In Julias Artikel erfährst du mehr darüber.

Erlesene Grüße und viel Spaß beim Schmökern!

Deine Katharina

P.S.: Ein kleiner Ausblick auf demnächst:

OLYMPUS DIGITAL CAMERABald gibt es auf Kresse ein Do it Yourself Tutorial für diese coolen Lesezeichenecken, welche ihr euch in 5 Minuten (auch aus alten Zeitschriften) ganz einfach selbst falten könnt.

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